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Dieser Aufsatz ist das Handout einer GFS zum Thema « Die Rote Kapelle - Widerstand gegen Hitler », die von mir am 8. Dezember 2008 im Fach Geschichte gehalten wurde.

9. December 2008

Die Rote Kapelle (Harnack/Schulze- Boysen- Organisation)

Der folgende Aufsatz ist eine Abhandlung zum Thema "Die Rote Kapelle - Widerstand gegen Hitler".

Die Rote Kapelle allgemein

Unter der “Roten Kapelle” versteht man eine Widerstandsorganisation gegen Hitler, die mit 130 Mitgliedern weit größer als zum Beispiel die “Weiße Rose” war.

Das Wort « Kapelle » gehörte seit langem zum Vokabular der Abwehr (als Abwehr wurden ab 1920 bis 1944 alle entsprechenden Dienststellen der Reichswehr und später der Wehrmacht bezeichnet, die mit Spionageabwehr, Spionage und Sabotage beauftragt waren). Die Offiziere des Admirals Wilhelm Canaris bezeichneten jede feindliche Spionagegruppe mit ihren Kurzwellensendern (« Pianos »), ihren Funkern (« Klavierspielern ») und ihren Chefs (« Dirigenten ») als eine Kapelle. Da es nach dem Auftauchen zahlloser Funkgruppen der alliierten Geheimdienste üblich geworden war, die Kapellen nach ihren Operationsgebieten (etwa « Seekapelle » oder « Ardennenkapelle ») oder nach ihren Auftraggebern zu benennen, hatte die Abwehr für den zuerst georteten Agentensender, der mit dem Rufzeichen PTX Moskau anfunkte, den Namen « Rote Kapelle » geprägt.

Gründung, Tätigkeiten und gewaltsames Ende der Organisation

Die Rote Kapelle hat sich nie selbst als einheitliche Gruppe gesehen, sondern war eher ein loses Netzwerk aus verschiedenen unabhängig voneinander agierenden oppositionellen Freundeskreisen, die sich um 1933 formierten; diese Freundeskreise bestanden aus Frauen und Männern, Jungen und Alten, Arbeitern und Intellektuellen, Angestellten und Künstler, Soldaten und Offizieren, Christen, Atheisten, Sozialisten und Kommunisten. Die Rote Kapelle hat sich selbst nie einen Namen gegeben; der Name “Rote Kapelle” wurde ihr erst von den Nationalsozialisten gegeben. Zusammenkünfte, Diskussionen und Geselligkeiten bildeten häufig den Ausgangspunkt für ein vorsichtiges Miteinander mit anderen Gegnern des nationalsozialistischen Regimes.

Die Rote Kapelle bot Verfolgten Unterschlupf und hat mit dem Verbreiten von Flugschriften (AGIS) und Klebezetteln mit regimekritischen Inhalten versucht, mehr Anhänger zu gewinnen; auch hat die Rote Kapelle zu Gehorsamsverweigerung gegenüber NS- Vertretern aufgerufen. Sie hat Kontakt zu anderen Oppositionskreisen (zum Beispiel zur Weißen Rose) und ausländischen Zwangsarbeitern aufgenommen und hat Entwürfe für eine mögliche Nachkriegsordnung erstellt. Die Mitglieder der Gruppe haben sowohl mit der Sowjetunion als auch mit anderen Ländern, die gegen das nationalsozialistische Regime waren, zusammengearbeitet, so zum Beispiel mit Amerika. Die Rote Kapelle hat Informationen über deutsche Kriegsvorbereitungen, Kriegsverbrechen und NS- Verbrechen gesammelt und auch an Auslandsvertreter weitergegeben (die Rote Kapelle agierte neben Deutschland auch in Frankreich, Belgien, Schweiz und Niederlande).

Im Juli 1942 wurde der Funkverkehr einer belgischen Abteilung der Roten Kapelle dechiffriert, wodurch die Nationalsozialisten an die Namen und Adressen von einem Großteil der Mitglieder kamen. Bis zum 12. September wurden 120 Angehörige der Gruppe verhaftet; durch deren Verhöre oder Bespitzelung in der Zelle wurden dann in Berlin bis Juni 1943 nochmals 80 Personen aus dem Umfeld des Kreises inhaftiert.

Über 76 Mitglieder der Roten Kapelle wurde das Todesurteil wegen “Landes- und Hochverrats” gesprochen; davon wurden 65 Todesurteile tatsächlich vollstreckt. 50 Personen wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt; vier Männer begingen während der Haft Selbstmord.

Harro Schulze- Boysen

« Es lebe der Mensch, der Herr über seine Wünsche ist. Sein Herz umfaßt die ganze Welt, den ganzen Schmerz der Welt. Das Böse und Häßliche, Lüge und Grausamkeit sind seine Feinde. Alle Stunden des Daseins opfert er dem Kampf, sein Leben ist voll stürmischer Kämpfe und hoher Freuden, voll stolzer Standhaftigkeit. Schone dich nicht, das ist die schönste und edelste Weisheit auf Erden! »H. Schulze- Boysen

In Kiel kommt Harro am 2. September 1909 zur Welt, verbringt in Berlin und Duisburg die Kindheitsjahre. Mehrfacher Aufenthalt bei gastlichen Freunden in Schweden, 1926 längerer Ferienbesuch bei einer britischen Familie in Liverpool und den schottischen Bergen bieten ihm Gelegenheit, Deutschland von außen zu sehen. Um dieselbe Zeit betätigt er sich mit Begeisterung im « Jungdeutschen Orden ». Frühzeitig beschäftigen ihn politische und soziale Fragen. Das nach gut und leicht bestandenem Abitur begonnene Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg und Berlin, wo er sich ein Zimmer im Arbeiterviertel des Stadtostens mietet, um die dortigen Lebensbedingungen einmal selbst kennen zu lernen, bleibt unvollendet.

Im Sommer 1932, dreiundwanzigjährig, tritt er in die Redaktion der von Franz Jung gegründeten politischen Monatsschrift « Der Gegner » ein, deren Hauptschriftleiter er bald danach wird. Sie strebt den Zusammenschluss der fortschrittlichen, durch Partei- und Nationalitätenhader noch zerspaltenen Jugend aller Lager und Länder an. Im April 1933 wird die Zeitschrift verboten. Schulze-Boysen wird von der Schutzstaffel (SS) verhaftet, seine Wohnung und das Büro werden ausgeplündert. In einem der berüchtigten Folterkeller Berlins wird er grausam mißhandelt. Nur durch das diplomatische Geschick und tatkräftige Eingreifen seiner nach Berlin herbeigeeilten Mutter gelingt nach etlichen Tagen seine Befreiung. Daraufhin entschließt er sich, einen einjährigen Ausbildungskursus an der Verkehrsfliegerschule in Warnemünde durchzumachen; nach erfolgreichem Abschluss wird er der Nachrichtenleitung des Luftfahrtministeriums als Angestellter überweisen. 1936 heiratet er Libertas, geb. Haas-Heye. 1938 erhielt er wieder Kontakt zu Arvid Harnack und dessen Kreis. Auch zu den Kommunisten um Hilde und Hans Coppi wurde die Verbindung wieder enger. 1940 wird er wegen des Mangels an Lehrkräften und seiner ausgezeichneten Kenntnisse nebenamtlich mit Abhaltung von Vortragskursen im “Auslandswissenschaftlichen Seminar der Universität Berlin” beauftragt.

Im Juli 1942 wird der Funkverkehr einer belgischen Gruppe der Roten Kapelle entschlüsselt, in dem auch seine Adresse steht. Am 31. August wird Harro Schulze-Boysen in seinem Büro im Reichsluftfahrtministerium verhaftet, Libertas, die in Panik gerät, als er am Abend nicht heimkehrt und zu Freunden läuft, erst einige Tage später. Am 19. Dezember wird er wegen “Vorbereitung zum Hochverrat” und “Landesverrats” zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee erhängt.

Arvid Harnack

Arvid wird am 25. Mai 1901 in Darmstadt geboren; seine Kindheit verbringt er in Stuttgart, wo sein Vater Literaturgeschichte und Ästhetik lehrt. Nach Abschluss des humanistischen Gymnasiums in Jena studiert er Jura in Graz und Jena, wo er über planwirtschaftliche Versuche des Reichswirtschaftsministeriums promoviert.

Anschließend geht er erst nach London an die School of Economics und dann nach Madison, Wisconsin. Hier lernt er seine spätere Frau, Mildred Fish, kennen. Als er wieder in Deutschland ist, promoviert er zum Dr. phil. bei Professor Friedrich Lenz in Gießen, der 1931 eine wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetischen Planwirtschaft gründet, kurz ARPLAN genannt, deren Geschäftsführer Arvid Harnack wird. 1932 organisiert er für eine 24- köpfige Gruppe von Ingenieuren und Nationalökonomen eine Studienreise in die Sowjetunion. Ein Jahr später baut er einen Diskussionszirkel auf, der sich mit der Erörterung politischer Perspektiven nach dem erwarteten Sturz der Nationalsozialisten befasste. Ab April 1935 bekommt er - zunächst als Referent - eine Stelle im Reichswirtschaftsministerium. Während er dort als Amerika- Experte arbeitet, bietet ihm die Tatsache, dass er 1937 der NSDAP beigetreten ist, eine nach außen hin perfekte Tarnung. 1936 nimmt er vertraulich Kontakt zur sowjetischen und zur US-amerikanischen Botschaft auf, um sie über die aus Deutschland drohende Kriegsgefahr zu informieren. Mildred weiß von diesen Kontakten und hilft ihrem Mann dabei.

Durch Kontakte 1939 zu Harro Schulze- Boysen und 1940 zu Hilde und Hans Coppi entsteht das später als « Rote Kapelle » bekannte Widerstandsnetz. 1940/1941 hat die Gruppe Kontakt mit dem Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Berlin; dabei wird versucht, diese von dem bevorstehenden deutschen Krieg gegen die Sowjetunion in Kenntnis zu setzen. 1941/42 sammelt Harnack weitere Gegner des nationalsozialistischen Regimes, u.a. in Berlin und Hamburg. Am 7. September werden Arvid und Mildred Harnack verhaftet; Arvid wird vom Reichskriegsgericht zum Tode durch den Strang verurteilt (Durchführung ist am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee), Mildred wird zunächst zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Aufhebung des Urteils durch Hitler und einer zweiten Hauptverhandlung wird Mildred Harnack am 16. Januar zum Tode verurteilt und enthauptet.

Die Rote Kapelle nach Kriegsende 1945

Die Arbeit und der Einsatz von Widerstandsgruppen wie der Weiße Rose oder des Kreisauer Kreises (Elisabeth von Thadden!) wurden nach Kriegsende in Deutschland vielfach gewürdigt. Die Arbeit der Roten Kapelle dagegen blieb äußerst umstritten: die Überlieferung der nationalsozialistischen Verfolgungsinstanzen (bzw. Richter Roeder), nach der die Frauen und Männer um Harnack und Schulze- Boysen “bezahlten Landesverrat” begangen hätten, wirkte weit in die Nachkriegszeit hinein. Der Kalte Krieg und die Ost- West- Konfrontation beförderten diese einseitige Sicht. Die Rote Kapelle wurde zur größten Spionage- Organisation des Zweiten Weltkrieges hochstilisiert und wurde mit einem unentwirrbaren Geflecht von Legenden und politischen Klischees umwoben.

In der BRD waren überlebende Mitglieder der Widerstandsorganisation zahlreichen Diffamierungen ausgesetzt und bemühten sich vergeblich um Wiedergutmachungsleistungen und eine öffentliche Würdigung der Roten Kapelle.

In der DDR wurde die Harnack/Schulze- Boysen- Organisation als Beleg für die Legende von der ungebrochenen Kontinuität des von der KPD geführten Widerstandes anerkannt. Ihre Mitglieder wurden als erfolgreiche Kundschafter gefeiert.

Erst 50 Jahre nach dem Ende der Roten Kapelle förderten der Umbruch in Osteuropa und die damit verbundene Öffnung der Archive neues, bislang nicht zugängliches Material zutage. Jetzt konnte allmählich ein umfassenderes und genaueres Bild von den Arbeiten der Roten Kapelle gezeichnet werden.

Quellen

Für diese Arbeit habe ich folgende Quellen benutzt:

  • Stefan Roloff, Die Rote Kapelle - Ullstein 2004
  • Kurt Schilde (hrsg.), Eva- Maria Buch und die « Rote Kapelle » - Overall 1993
  • Elsa Boysen, Harro Schulze- Boysen - Komet 1947
  • Heinz Höhne, Kennwort Direktor - S. Fischer 1970
  • Hans Coppi (u.a.; hrsg.), Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus - Gedenkstätte Deutscher Widerstand und Edition Hentrich 1994
  • Shareen Blair Braysac, Mildred Harnack und die Rote Kapelle - Scherz 2003

Im Internet habe ich bei folgenden Ressourcen nachgeschlagen:

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